Filmkritik: Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1997)

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Filmbeschreibung:

1859 bei Gela Alta, Grönland. Ein einsamer Inuit steht auf dem Packeis, in welches er ein Loch gehackt hat. Neben ihm ein Hundeschlittengespann. Während die Hunde vor sich hin dösen, wartet er, mit einer Harpune bewaffnet, geduldig auf seine Beute. Plötzlich werden die Hunde nervös. Ein seltsames Licht erscheint am Himmel, nein, fällt vom Himmel! Als es aufschlägt, sehen wir Entsetzen
im Gesicht des Inuit. Denn eine gnadenlose Schneelawine rast auf ihn zu. Panisch stürzt er zu seinem Hundegespann und ergreift die Flucht, während die Lawine hinter ihm her ist…
Mit dieser Naturkatastrophe (die wahrscheinlich der Tunguska-Explosion von 1908 nachempfunden ist) beginnt Bille Augusts Film und das ist eine der wenigen Szenen des Films, die im Buch von Peter Høeg nicht vorkommen. Nach diesem großartigen Prolog kommt ein großartiger Übergang. Stille! Schneekristalle unter dem Mikroskop.
Die Frau am Mikroskop ist Smilla Jaspersen, wie wir kurz danach erfahren. Sie wohnt in Kopenhagen und auf dem Nachhauseweg muss sie feststellen, dass ihr kleiner Freund Isaiah Christiansen tot vor ihrem Haus liegt. Angeblich beim Spielen vom Dach gefallen.
Während sie mit dem Gerichtsmediziner Dr. Lagermann spricht, der sie für Isaiahs Mutter hält, meint sie: »Ich bin nicht seine Mutter. Wir waren Freunde.« In einer Rückblende sieht man nun Isaiah mit einem Ball vor Smillas Wohnungstür spielen. »Verzieh Dich, Du Rotzlöffel!« So lernen sich die beiden kennen. Isaiah der Inuit, der mit seiner alkoholkranken Mutter ebenfalls in Kopenhagen lebt, und Smilla, halb Grönländerin und halb Dänin. Da Isaiah nicht locker lässt, nimmt Smilla ihn mit in ihre Wohnung, liest ihm aus Euklids „Die Elemente“ vor und steckt ihn in die Badewanne. »Ich möchte nicht Deine Gefühle verletzen, aber ich muss sagen, Du stinkst.« In einer schönen Szene erklären die Beiden sich später gegenseitig zu Freunden. Bis hier her wissen wir noch so gut wie nichts über Smilla. Doch das für sie unbefriedigende Gespräch mit dem Gerichtsmediziner, bei dem sie behauptet, dass der Sturz vom Dach kein Unfall war, lässt schon ahnen, dass wir Smilla bald kennenlernen werden. Als der Nachbar aus dem Erdgeschoss – dessen Namen man im Film nicht erfährt, der sich jedoch später als „Mechaniker“ ausgibt – Smilla trösten will, faucht sie ihn wütend an: »Was dachten Sie? Dass wir uns betrinken und vereint im Kummer die Nacht durchficken? Haben Sie sich das vorgestellt?« Und wenn sie mit Professor Loyen spricht, kommt noch eine andere Seite Smillas zum Vorschein. Die berechnende, alles sehende Smilla. »Und was mich umtreibt, was mir den Schlaf raubt, ist die Frage, was hat ihn aufs Dach getrieben?« Zum Trailer

Filmkritik:

Wer das Buch „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ von Peter Høeg kennt und mag, wird den Film ebenfalls zu schätzen wissen. Meines Wissens als Buch- und Filmliebhaber wurde noch nie ein Buch so schön und lesergetreu umgesetzt, wie Fräulein Smillas Gespür für Schnee. Als ich das Buch las, von einem Autor, der sich in eine Frau hineinversetzte, dachte ich zuerst, dass das nicht wahr sein kann. (Im Sinne von, dass ich es nicht glauben wollte, dass jemand so eine spannende Geschichte erfindet, die von einer Frau handelt und doch nicht von einer Frau geschrieben wurde.) Seit dem ist Smilla für mich der Inbegriff der toughen Frau und als der Film endlich erschien, war ich der Erste, der ins Kino rannte. :-) (Wer weiß…) Für die Umsetzung des Films gäbe ich zehn Punkte. Es gibt einfach so wenig zu bemängeln für mich, dass ich gar nicht anders kann. Gut, dass ich auch noch ein paar Dinge entdeckt habe, die den Film zwar „begleiten“, aber nicht unbedingt viel schlechter machen. Deshalb fällt er auch in meiner Wertung auf neun runter. Aber tiefer will ich nicht gehen. Die Schauspieler sind fast alle gut, außer Gabriel Byrne. Bei dem weiß ich immer nicht, ob ich ihn interessant, oder einfach nur langweilig finden soll. In diesem Film tendiere ich auf langweilig. Die Figur des Lander finde ich schon wieder witzig und originell. Und natürlich auch den Sohn von Kapitän Lukas (Nils Jackelsen) mit Jürgen Vogel exzellent besetzt. Dass man Julia Ormond das „Eskimo-Mädchen“ nicht abnimmt, liegt nicht an ihr, sondern einfach an ihrer Rolle. Smilla hat sich in der Stadt – vom Vater finanziell behütet – gewandelt. Aus dem Naturkind, welches man früher vorn auf den Schlitten gebunden hatte, um bei Schneesturm den zurückkehrenden Jägern die Richtung zu weisen, ist ein Stadtmensch geworden. Doch als toughe Kopenhagenerin macht sie wirklich eine gute Figur. Als Eskimo-Mädchen ist sie jedoch leider nur einmal zu sehen. Nämlich, nachdem sie mitten im Eismeer von diesem Schiff gestiegen ist und mit strubbeligen Haaren in einem selbst gebauten Iglu rastet. Schade, dass man es bei der Produktion nicht hinbekommen hat, auch auf Details zu achten. So ist beim Schreiben Smillas an die Staatsanwaltschaft ein englischer Text zu sehen. Da Smilla in Dänemark lebt, hätte sie den Text in dänisch verfasst. Es wäre sicher kein Problem gewesen, den Text in dänisch zu filmen und Untertitel drauf zu packen. Schade…. Da ich perfektionistische Filme mag, ist das ein Kritikpunkt, den ich unbedingt erwähnen musste.

Filme-Blog Wertung: 9/10

Die Wertung versteht bitte nur als meine persönliche Wertung. Es gibt sicher genug Leute, die eine andere Meinung dazu haben. Also verdammt mich bitte nicht dafür, dass ich den Film – weshalb auch immer – gut finde.

Info:

Am 2. März 1997 startete der Film in den USA mit 8 (?) Kopien, was ich persönlich für sehr unwahrscheinlich halte. Allein in Deutschland wurden 1,7 Millionen Kinobesucher gezählt, was wohl nicht mit lediglich 8 Kopien zu bewerkstelligen gewesen wäre. Aufgrund dieser Information wäre der Film in Europa erfolgreicher gewesen, als in USA, was ich mir nicht vorstellen kann.

Filmfazit:

Fräulein Smillas Gespür für Schnee ist ein Film für Insider. Behaupte ich einfach mal! Wer das Buch kennt, wird sich in den Film und in Smilla hineinversetzen können. … Wer das Buch nicht kennt, wird wohl sagen: »Wow! Ein Thriller. Habe ich schon tausendmal gesehen.« Doch auch Nicht-Insider können mit dem Film etwas anfangen. Einfach, weil er nicht langweilig ist, denn die Krimi-Elemente überwiegen. Smilla muss man einfach verinnerlichen und selbst durchleben. Dass sie auch Angst hat, sehr viel Angst, kommt im Film vor, gewiss. Doch welche Art von Angst, das findet bitte selbst heraus. Falls Ihr es nicht schon wisst.

Filmtrailer:

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10 Gedanken zu “Filmkritik: Fräulein Smillas Gespür für Schnee (1997)

  1. ich habe ihn mir noch nicht angesehen, weshalb ich noch keine wertung geben kann, aber zum artikel hier:

    wäre gut, wenn du eine etwas kürzere zusammenfassung geben würdest – klingt eher als würdest du gerade ein roman verfassen und eine fesselende atmossphäre verursachen wollen
    nicht, dass es der film vielleicht nicht tun würde, aber eine (schlichte) zusammenfassung, worüber der film eigentlich so handel wäre (mir jedenfalls) ganz recht

  2. Vielen Dank für den Hinweis, Hiroaki.
    Bei künftigen Artikeln werde ich mich von vornherein kürzer fassen, da das Kurz-Format hier offenbar bevorzugt gelesen wird.
    Es ist auch nicht auszuschließen, dass ich den Artikel “Fräulein Smillas Gespür für Schnee” gelegentlich noch einmal überarbeite, so dass er übersichtlicher wird.
    Den Anspruch, einen “Roman” verfassen zu wollen, maße ich mir erst gar nicht an, das überlasse ich dann lieber Peter Høeg. :-)
    Allerdings sollte es auch Konsumenten von filme-blog.com leicht fallen, einen etwas ausführlicher geratenen Artikel lesen zu können.

  3. ein im groben und ganzen doch packender krimi

    trotz seiner mängel, beweist der film einen guten spannungsbogen, bei dem ich jedenfalls immer dazu angespornt war mehr zu erfahren um diesen mysteriösen fall
    auch wenn er von einem hobbysherlock geführt wird, also der protagonisten, so kann er sich dennoch mit krimis halbwegs messen, zumindest was eben die spannung angeht

    was mich jedoch stört sind zum einen einige bizarre storytwists bzw. storyentwicklungen wie etwa die detaillosigkeit, die ich vor allem bei komplexeren filmen und erst reicht bei krimis ungern sehe zum anderen aber auch die diese mangelnde nachvollziehbare emotionale verbindung der charaktere –
    ich kann nichts zum buch sagen, da ich es nie gelesen habe (und sehr wahrscheinlich nie lesen werde), aber so wie die beziehung zwischen den charakterern dargestellt wird, so sieht das wirklich sehr abrupt aus… eben keine nachvollziehbare entwicklung – am wenigsten auffällig ist das noch bei der protagonistin und dem kind, aber sonst kam da einfach nichts rüber
    auch sehr trocken (trotz der landschaft) war das ende: sehr enttäuschende “kampfszenen” (bin da schon wirklich vorsichtig die so überhaupt zu nennen), wie auch eine sehr ernüchternde auflösung des ganzen
    (wirkt für mich ehrlich gesagt stark nach einem ende ala Conan, der Anime)
    und überhaupt, nicht wirklich ein film, der sich ins gedächtnis einprägt (außer vielleicht die hübsche protagonistin :p)

    apropos protagonistin, einer der eher wenigen punkten, die wirklich positiv anzumerken sind, ist ihre gute und doch überzeugende schauspielerische leistung (bis auf die beziehungs-sache halt…)

    und btw: was um alles in der welt war das für ein wundergriff den sie da bei tuse da angewendet hat?

    alles in allem war der film, trotz einigen mängeln, wirklich spannend aufgebaut und deshalb für krimi-fans vielleicht mal ein blick wert

    persönliche wertung: 6-7/10

  4. Hallo Hiroaki.
    Es freut mich, dass ich Dich dazu inspirieren konnte, Dir den Film anzuschauen. :-)
    Ich gebe Dir Recht, dass man den Film sicher mit anderen Augen sieht, wenn man das Buch nicht kennt. Das hatte ich beim Schreiben des Artikels nicht bedacht und muss wohl die eine oder andere Formulierung noch einmal überdenken.
    Dass Du auch jetzt noch an Details interessiert bist, finde ich schön. Gerne würde ich es aufklären (falls ich es kann), allerdings kann ich mit dem wundergriff den sie da bei tuse angewendet hat? nicht viel anfangen, da ich nicht weiß, was Du meinst. Wenn Du die Szene noch mal kurz beschreibst, oder zumindest bei welcher Laufzeit des Films die Szene stattfindet, finde ich es gerne für Dich heraus.
    Zu den emotionalen Beziehungen gebe ich Dir Recht, dass sie sich im Film wirklich kaum erschließen. Besonders die Beziehung zum Mechaniker ist nicht nachvollziehbar, da die Motive (anders als im Buch) hier nicht geschildert werden.
    Das Ende der Geschichte ist wohl der größte Kritikpunk. Fiel schon Peter Høeg im Buch nichts Spektakuläres mehr ein (vielleicht, weil er endlich mit der Geschichte fertig werden wollte), so gelingt es auch der Drehbuchautorin Ann Biderman nicht, da noch etwas herauszuholen. Hätte man, genau wie beim Anfang, auch am Ende noch etwas hinzu erfunden, könnte es ein perfekter Film geworden sein.

    Danke für Deinen interessanten Kommentar.

    • zum wundergriff:
      damit mein ich die stelle, an der smilla der freundin (?) von ihrem vater, an der stelle bei der sie flüchten will, an den schritt und an dem hals packt und sie damit aus irgendeinem grund total paralysiert *lol
      ich mein bei männern könnte ich das nachvollziehen, aber bei frauen? ouh…

  5. Jetzt weiß ich, welche Szene Du meinst. :-)
    Doch so verwunderlich finde ich den Griff gar nicht. Ich meine, wenn man jemandem am Hals packt und fast erwürgt, während man ihm noch ordentlich in den Schritt kneift, ist es wohl egal, ob das Opfer ein Mann oder eine Frau ist. Allerdings kann ich auch nicht beurteilen, für wen es schmerzhafter ist. Doch dass das Opfer nach einer solchen Attacke erst einmal verschnaufen muss, leuchtet doch sicher ein.

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