Filmbeschreibung:
In einem Moment der totalen Verzweiflung schießt die junge Frau ihren sadistischen Stiefvater an. Kurz zuvor hatte dieser ihre Schwester umgebracht und wollte sich – erneut? – an der jungen Frau vergehen. Doch das Mädchen weiß sich zu wehren und der böse Stiefvater, der auf das Erbe ihrer verstorbenen Mutter aus ist, behauptet sie sei verrückt geworden. Die Folge ist die Einweisung der Frau in eine Nervenheilanstalt; eine Lobotomie soll in fünf Tagen stattfinden. Die Patientin, fortan Babydoll genannt, schmiedet ab da mit ihren Mitgefangenen – allesamt Frauen, denen das Leben übel mitgespielt hat – einen Plan zur Flucht. Und dieser Plan revolutionierte im Jahr 2011 so einiges im modernen Actionkino… Zum Trailer
Filmkritik:
Ah ja, Sucker Punch. Mit diesem Film verbindet mich eine Art Hassliebe. Seit dem ersten Ankündigungstrailer war ich heiß auf den neuen Film von Regisseur Zack Snyder. Snyder, der mit Watchmen den besten Film aller Zeiten und mit 300 eine stilistisch und formvollendete Fingerübung abgeliefert hatte, drehte einen Film mit Emily Browning (Der Fluch der 2 Schwestern, Sleeping Beauty) in der Hauptrolle, die als leicht bekleidete Babydoll durch Fantasiewelten turnte und reihenweise Badboys zersäbelte, erschoss und sonstige böse Dinge mit ihnen anstellte. Das konnte ja nur eines werden: geil! Als ich dann im Kino saß fand ich Sucker Punch alles, nur nicht geil. Ich war regelrecht enttäuscht. Hatte Snyder nicht in einem unglaublich lesenswerten Interview auf Spiegel Online gesagt: „Für mich ist der Film eine Meditation über Freiheit, meine Heldinnen brechen aus dem Gefängnis aus. Deswegen war ich auch geschockt über die Reaktionen. Ich wollte eine anspruchsvolle Version des Freiheitsbegriffs auf die Leinwand bringen.“ Die Trailer deuteten alle auf ein eskapistisches Actiongeballer mit halbnackten Frauen hin; das noch angereichert mit einem philosophischen Unterbau, den der Großteil der Kinogänger nicht versteht, weil sie nur angeekelt wären von angedeuteten Vergewaltigungen und Deep-Throat-Fantasien: DAS habe ich erwartet. DAS wäre der Film gewesen, mit dem Snyder sogar sein Watchmen vom best-movie-of-all-times-Thron hätte stoßen können. Und was macht der Amerikaner, der derzeit mit Christopher Nolan (The Dark Knight Rises, Inception) an der Neuerfindung von Superman – Man of Steel – arbeitet? Er machte aus Sucker Punch ein auf den ersten Blick hirnlosen Nerdfilm, der, und das ist das Schlimme, auch auf einen zweiten Blick einer solcher bleibt. Der Unterbau – zwei, drei verschränkte Ebenen, etwas Metaphorik und Symbolgehalt, sowie leicht verspielte Ironie – sind zwar ansatzweise interessant, kommen jedoch bei weitem nicht an den gehaltvollen Watchmen oder Nolan-Werke heran. Hätte ich also damals, in diesem schwülen Sommer 2011, diese Kritik geschrieben, wären wir so bei fünf, sechs Punkten gelandet. Doch, und jetzt kommt das große Aber, mit etwas zeitlicher Distanz, habe ich mir das Teil nochmal auf Blu-ray gegen (im Extended Cut und im O-Ton) und siehe da: mit geringerer Erwartungshaltung und in dieser rund 20 Minuten längerer Fassung, funktioniert Snyders Spektakel endlich, so wie es sollte.
Filme-Blog Wertung: 8/10
In gewisser Weise ist Sucker Punch, die logische Konsequenz und der bessere (!) Inception. Bei beiden Filmen stehe Träume im Vordergrund. Während sich Nolan bei Inception damit begnügt, die (Traum-)Welten architektonisch anzulegen und die Fesseln der Naturgesetze zu sprengen, geht Snyder in Sucker Punch einen, ah was, zwei Schritte weiter. Bei ihm sind die Traumwelten unendliche Produkte (männlicher) Fantasien: Da kämpfen nackte Samurai-Amazonen auf Zeppelinen, die über Ritterburgen kreisen, gegen Drachen, Fabelwesen und Nazi-Zombies – und es ist immer logisch, da wir uns ja im Oberstübchen von Protagonistin Babydoll bewegen. Das Problem, welches ich beim ersten Mal schauen von Sucker Punch hatte, war das es zusätzlich zu der Filmrealität und den Traumwelten noch eine dritte Ebene gibt: Die Nervenheilanstaltpatientinnen flüchten sich nicht nur in ihre Träume, sondern betrachten auch das Leben in der Anstalt als Spiel. Ähnlich wie in Das Leben ist schön inszenieren sie ihren Aufenthalt im Vernichtungslager des so genannten High Rollers, des Lobotimisten. Diese Inszenierung – und hier greift wieder die männliche Allmachtsfantasie des Snyders, welche er in Sucker Punch abzubilden versucht – ist die eines viktorianischen Bordells. Die Traumwelten, in welche sich Babydoll flüchtet, sind Produkte von Tänzen. Hierin besteht ein besonderer Kniff des Streifens, der voyeuristische Tanz, den die Insassinnen aufführen ist in der Filmrealität gleichzeitig ein erster Schritt zur Emanzipation, den in den Traumwelten sind es eben die Frauen, die es allmächtig mit den männlichen Übeltäter aufnehmen. Und diese Kämpfe gehören bis heute zum visuell beeindruckten, was das Kino zu bieten hat: Zeitlupe, Freeze Frames, Bildbeschleunigung, bewusster Überzeichnung… Snyder setzt alles ein, was schon sein 300 so besonders machte, nur hält er sich eben bei Sucker Punch an keine, aber wirklich gar keine, Regeln.
Filmfazit:
Ja, ja Sucker Punch, wir beide hatten es nicht leicht. Letztlich hast du mich aber doch überzeugt. Ob das jetzt mit geminderter Erwartungshaltung oder Extended Cut zusammenhängt, kann ich so pauschal nicht sagen. Jeder, der jedoch moderner Nerdkultur etwas abgewinnen kann und auf stilvoll inszenierte Action steht, der muss sich Sucker Punch anschauen – wahrscheinlich hat derjenige das auch schon längst getan.
Filmtrailer:
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