Cold Fish (2011)

cold fish

Filmbeschreibung:

Murata hat alles, was sich Shamoto, der Besitzer eines kleinen Ladens für Tropenfische, wünscht. Eine nette Frau, Erfolg im Job und vor allem Selbstbewusstsein. Als Shamotos missratene Tochter aus erster Ehe beim Ladendiebstahl erwischt wird, legt Murata ein gutes Wort beim Kaufhausdetektiv ein. Ob sie nicht für ihn arbeiten könne, fragt der offenherzige Murata, der Betreiber eines ungleich größeren Aquaristikgeschäfts ist, den verschüchterten Shamoto, der sich dem älteren Herrn zu Dank verpflichtet fühlt. Shamoto zunächst überglücklich, dass sich in seinem Leben doch mal etwas zum guten entwickelt, bemerkt erst viel später, dass Muratas vornehmes Getue in allererster Linie Fassade ist: Der Fisch-Mogul entpuppt sich mitsamt seiner werten Ehegattin als psychopathischer Serienmörder. Als Shamoto dies bewusst wird, versucht er alles, seine Frau und seine Tochter aus der Abhängigkeit des Wahnsinnigen zu befreien, nicht ahnend, dass er bereits zu sehr verstrickt ist, in die Machenschaften des einstigen Vorbilds… Zum Trailer

Filmkritik:

Meine Fresse: Was ist Cold Fish doch für ein nihilistisches Dreckstück von einem Film! Sion Sonos zweiter Teil seiner so genannten Hass-Trilogie ist ein perverser, düsterer Albtraum aus dem man nicht mehr so ohne weiteres aufwacht. Aber der Reihe nach: Anfang der 1980er machte sich der Japaner Sono als Lyriker und Erschaffer experimenteller Filmwerke einen Namen in der dortigen Kunstszene. Einem westlichen Mainstream-Publikum dürfte der Name bisher noch nicht zu Ohren gekommen sein. Filmfreunde, die dem asiatischen Kino nicht abgeneigt sind, sind 2001 wohl oder übel bereits über Sonos ersten „Unterhaltungsfilm“ Suicide Circle mit dem guten Mann in Kontakt gekommen – und dürften dieses Erlebnis bis heute nicht vergessen haben. In Suicide Circle sprangen ganze Horden feinster japanischer Lolita-Schulmädchen fröhlich lachend vor fahrende U-Bahnen. Kunstblut spritzte in Strömen, japanische Popmusik untermalte die Gewaltexzesse. Entgegen der ersten Erwartungen, entwickelte sich Suicide Circle dann doch zu einem Film mit einem gewissen, lebensbejahenden Happy-Ending. In den vergangenen zehn Jahren muss Sono scheinbar so einiges an Scheiße passiert sein; anders ist der nihilistische Mittelteil seiner Hass-Trilogie (den Auftakt bildete 2011 der Viereinhalbstünder Love Exposure; den furiosen Abschluss gibt es mit Guilty of Romance derzeit im Programmkino zu bestaunen) nicht zu erklären. Dabei fängt Cold Fish doch so bunt an. Murata ist doch ein solch netter, lieber und lustiger Zeitgenosse – da kann es freilich nicht lange dauern, bis Sono zeigt, was hinter der Oberfläche von netten, lieben und lustigen Menschen so lauert. Nämlich pervertierte, psychopathische, misanthropische Serienkiller.

Filme-Blog Wertung: 9/10

Beeindruckend inszeniert Sono eine Spirale der Gewalt. Shamoto begibt sich freiwillig in die Höhle des Löwens, kann er doch nicht ahnen, welches Raubtier sich hinter dem freundlich grinsenden Murata versteckt. Erst als er und seine ganze Familie völlig abhängig von dem lieben Geschäftsmann und seiner ebenso jovialen Ehefrau sind, schlägt das Grauen zu – zunächst ganz leise; in Gestalt eines, die Gedärme eines gutgläubigen Geschäftspartners auffressenden Giftes, welches die lieben Fischhändler ihm in seinen Drink taten, später immer lauter und bedrohlicher. Shamoto erklärt sich bereit bei der Entsorgung der Leiche zu helfen – zerkleinert, zu Fischfutter verarbeitet und verbrannt werden, wollen die Überreste – ist doch die Angst um Leib und Seele seiner Frau und Tochter zu groß. Witzigerweise – und darin liegt ein genialer Schachzug des Regisseurs – haben sich Frau und Tochter ebenfalls in Abhängigkeit begeben und kommen gar nicht von Murata los. Shamotos Frau, in der Ehe sexuell frustriert und sowieso unglücklich, bekommt von Murata das, was sie will: harten Sex. Dem verwöhnten Töchterchen, das ja nur von dem sorgenden Daddy weg möchte – Pubertät und so -, bietet Murata Obhut und gefakte Selbstständigkeit. Da ist es nur konsequent, dass Sono ein Sittenbild japanischer Gesellschaft abbildet. Shamoto buckelt und buckelt und lässt sich von Murata fast noch mehr ficken, als dieser es ohnehin schon mit seiner Frau tut. Doch irgendwann, irgendwann zerbricht auch der konservativste, japanische Gutmensch. Und dann zeigt sich, dass auch das Verhalten der ganz Unschuldigen, der ganz Naiven und ganz Devoten nur Fassade ist. Denn in einer Gesellschaft wie der unseren ist jeder nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. „Willst du leben“, fragt Shamoto seine Tochter nach seiner Transformation. „Ich will leben, leben, leben“, meint sie. „Leben tut weh“, antwortet ihr einst so fürsorglicher Vater und schneidet sich die Kehle durch.

Filmfazit:

Kommt mit und ertrinkt in einem Universum aus Menschenhass, Nihilismus und Düsternis. Kommt mit und schaut euch Sonos Cold Fish an. Kommt mit und werft einen Blick aus dem heimischen Fenster, hinaus in unsere Welt.

Filmtrailer:

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2 Gedanken zu “Cold Fish (2011)

  1. also ganz ehrlich, auf deine filme komme ich nicht so wirklich klar bzw. kann deine positive wertung nicht verstehen
    das was du als genial inszeniert empfindest ist für mich teilweise makaber bis nonsense – ich mein das ganze geschnetzel kenn ich ja schon aus horrorfilmen, aber in diesem film kommt noch wahnsinn gepaart mit einfacher normalität dazu
    und das, was der film hier übertriebenerweise darstellt, geben auch die meisten filme wieder, nur eben nicht so direkt wie es dieser film tut
    mit dem einzigen, mit dem ich halbwegs mitfiebern konnte war shamoto, der mir wirklich teilweise leid tat, wie er in diese situation geraten ist und noch schlimmer, wie das alles geendet hat (insbesondere was seine tochter betrifft) – aber auch insbesondere wie er sich immer an (s)eine lüge geklammert hat…
    von der schauspielerischen leistung will ich gar nicht erst anfangen…

    ich weiss nicht, ob du diesen film auf deutsch geschaut (falls es den auf deutsch überhaupt gibt) oder auf japanisch mit englischen subs wie ich, aber das war das wohl eines der wenigen positiven punkte, die ich hier anführen kann – japanische sprache! das hat mit am meisten mich dazu animiert diesen film bis zum ende anzuschauen

    achja und einige deiner interpretationen finde ich teilweise seltsam, da ich sie nicht so nachvollziehen konnte, als ich mir cold fish angeschaut habe
    doch mit einem satz kann ich dir nur zustimmen […] Denn in einer Gesellschaft wie der unseren ist jeder nur einen Schritt vom Abgrund entfernt. […] und nicht wenige steuern geradewegs auf ihn zu

    persönliche wertung: 5-6/10

  2. so verbleibe ich mit einem eher wohlgesonnenen “sehenswert” und bin gespannt auf weitere kritiken und kommentare die hoffentlich noch zu diesem film geschrieben werden. doch auch mit einer kleinen warnung, denn dieser film ist noch mehr als andere des regisseurs ein harter schlag in die magengrube.

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